Als Aargauer unterwegs

Spass auf schmalen Reifen

7. Tag: Demonte – St. Etienne de TinĂ©e

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Der Tag begann für italienische Verhältnisse untypisch. Neben meinem Tisch, stand bereits so eine Art Servierboy mit allem möglichen drauf, was man sich zum Morgenessen wünscht. Sogar eine Sorte Flöckli war da. Überhaupt hatte ich die Dame des Hotels schon beim Nachtessen im Verdacht, dass sie besonders gut zu mir schauen wolle. Ich bekam etwas mehr Tortellini als alle anderen, auch der Salatteller schien mir eine Nummer gehäufter als bei den anderen Gästen. Selbst das Truthahnschnitzel sprengte meine bisherigen Erfahrungen. Zwischen dem zweiten Gang und den Dolci stellte sie mir noch eine Käseplatte hin. Ich konnte nehmen so viel ich wollte. Mittlerweile waren die anderen Gäste schon alle gegangen und sie brachte mir stolz einen Riesencoupe mit Glacé. Soll eine italienische Spezialität gewesen sein. Identifiziert habe ich mit Sicherheit: Schokolade, Vanille und Mocca. Da war aber noch vielleicht Mango drauf und Citrone. Schlagrahm nicht allzu viel, dafür das ganze noch übergossen mit einer Schokoladensauce. Die Dame weiss glaub, was ich gerne habe.

Die Fahrt begann fĂĽr heute einmal relativ flach. Ein paar Kilometer das Tal hinauf bis nach Vinadio, dann ĂĽber eine kleine BrĂĽcke und schon ging es los. Im dichten Wald Spitzkehren, eine nach der andern, aber nicht besonders steil. Dann lange das Tal hinauf, heute immer wieder an Wasserfassungen vorbei. Die haben hier den Vorteil, dass fast ĂĽberall ein Brunnen in der Nahe ist, oder wenigstens ein Rohr, aus dem das ĂĽberflĂĽssige Wasser raussprudelt. Hatte jedenfalls keine MĂĽhe, meine Bidons zu fĂĽllen.

Das Tal ist auch heute wieder sehr eng. Schon ein paar Mal ist mir aufgefallen, Wie viel Holz, entwurzelte oder abgebrochene Bäume entlang der Strasse, oder eben wie heute im Bachbett liegen. Manchmal scheint man richtig zu sehen, aus welchem Seitental, welche Lavine oder Erdrutsch runtergedonnert sein muss. Heute war es sogar so, das über weite Strecken die Leitplanken, sofern es jemals welche hatte, zusammengedrückt, ausgebrochen waren. Auf der Strasse sah man Spuren von Steineinschlägen und von grossem, schwerem Baumaterial. Ich vermute mal, dass da einer der letzten Winter hier im Piemont ganz schön zugeschlagen haben muss.

Mal abgesehen von den Spuren dieser Naturereignisse, fuhr ich auch heute wieder durch ein wunderbares Tal hinauf. Einigermassen regelmässig wechselten sich die ganz steilen Stücke in der Passstrasse mit etwas flacheren ab, so dass zwischendurch immer mal wieder etwas Erholung möglich war.

Das Wetter war bis Mittag ganz ordentlich. Hie und da eine Wolke, ich achtete nicht weiter darauf. Doch kurz bevor ich die Passhöhe erreichte, rumpelte es zum ersten Mal am Himmel. Hinter mir und über den Seitentälern hingen bedrohlich schwarze Wolken herum. In aller Eile knipste ich meine Passfotos und begann in die Tiefe zu fahren. Allerdings nicht ohne vorher festzustellen, dass der Lombarde, von allen die ich in diesen Ferien befahren hatte, vermutlich der mit der grüssten Steinwüste ist.

Hinunter nach Isola 2000. Der Skiort der Gegend. Es wird gebaut, ein Hotelkasten neben den anderen, Mir schien der Ort eine einzige Baustelle zu sein. Das Skigebiet am gegenüberliegenden Hang, vielleicht das Paradebeispiel wie man es nicht machen sollte. Die ganzen Wälder zerfurcht mit Skipisten, planiert kreuz und quer. Überall und ohne Ende stehen Beschneiungsanlagen, vermutlich fix montiert und das ganze Jahr. Aber eben: nur mein Eindruck, gesehen unter einem herannahenden Gewitter.

Ich kam auf meiner Fluchtfahrt nicht besonders weit. Bald knallten die ersten Hagelkörner auf meinen Helm. Auch wenn die nur die Grösse von Splittsteinchen haben, aber das tönt bös am Helm. Schnell suchte ich Schutz unter einer Baumgruppe, zog mir den Regenschutz über und wartete. Aus lauter Langeweile griff ich mal die Pneus des Renners und des Anhängers ab, nach all den Schlaglöchern und Baustellen, man weiss ja nie. Tatsächlich, das Hinterrad war fühlbar weicher. So stellte ich den Renner wieder mal auf den Kopf und fand tatsächlich so eine Art Metallbraue, die offensichtlich so langsam eingedrückt wurde und nun diesen Schleicher auf dem Gewissen hatte. Da ich sowieso alles dabei hatte, es weiterhin kräftig regnete und ich unter dieser Baumgruppe halbwegs geschützt war, wechselte ich gleich mal den Mantel und den Schlauch sowieso.

Die angekĂĽndigte „Autobahn“ von Isola 2000 nach Isola hinunter konnte ich nicht wirklich geniessen. Tatsächlich ist sie die breiteste Passstrasse die ich schon jemals gesehen oder befahren habe. FĂĽr eine „Autobahn“ hat sie aber doch merkwĂĽrdig viele Spitzkehren. Landschaftlich mĂĽsste es wieder mal toll gewesen sein, diese zum Teil recht enge Schlucht hinunter zu fahren. Doch ich war beschäftigt mit Regenschutz, nasser Strasse und langen Bremswegen.

Unten im Tal, in Isola, entschloss ich mich dann doch noch bis St. Etienne de Tinée raufzufahren. Der Himmel schien mir dort bereits wieder etwas heller zu sein. Doch mit fortschreitender Fahrt, kam auch wieder das Gewitter dazu. Es blitzte und dröhnte in diesen engen Tälern und regnete zu dem ziemlich heftig.

Und wenn Murphy schon mal an der Arbeit ist, dann lässt er auch zu, dass das GPS wiedermal den kĂĽrzesten Weg sucht. Dieser endete heute aber am Ende einer Strasse vor einem RĂĽfenniedergang. Ein letztes Haus, und dann nur noch Felsbrocken. Also umkehren und einen zweiten Versuch auf der ordentlichen Strasse. Dort werden aber die Velofahrer aufgefordert, auf einem separaten Weg nach St. Etienne de TinĂ©e zu fahren. Den kannte das GPS nicht. Ein fĂĽrchterliches Auf und Ab folgte. Etwa einen Kilometer vor dem Dorf ging nun dem GPS auch noch der Strom aus. So ist nun halt die heutige Aufzeichnung ein bisschen zu kurz. Sonst hätte es vielleicht doch noch fĂĽr 2’000 Höhenmeter gereicht.

A propos Murphy: Er schlug dann noch mals zu: in diesem Hotel hat man keinen Keller, oder Garage, oder Remise um einen Renner unterzustellen. Ins Zimmer kann ich ihn nicht nehmen, das Haus ist so verwinkelt und das Zimmer, obwohl mit französischem Bett, so klein, dass er auch keinen Platz mehr hätte. Allerdings: Das Hotel scheint bei den Motorradfahrern bekannt zu sein. Jetzt steht er, zwar etwas an den tannigen Gartenhag gedrückt, aber umzingelt von den Motorrädern. Und weil es immer noch regnet, hoffe ich mal, dass er bis morgen nicht geklaut wird.

Heute auf dem Rad
Vormittag
Fahrrad

Roubaix mit Anhaenger

68.6KM

1976 HM
06:00 H

Nachmittag
etwas_Wolken

Grad

gewitterhaft_teilweise_Sonne

Grad

Autor: Urs

Würde mich eher als Tourenfahrer bezeichnen. Radfahren war schon in der Jugendzeit meine Leidenschaft. Doch auch dann schon eher für lange Ausflüge. Mit der Zeit gesellten sich die Fotographie dazu und teilweise beruflich bedingt auch das Interesse an IT, an Software. Damit war der Grundstein für dieses Weblog gelegt. Seit dem Jahre 2004 schreibe ich hier ziemlich regelmässig über meine Fahrten.

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