Als Aargauer unterwegs

Spass auf schmalen Reifen

Reprise auf la Bonette

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Grosse Ereignisse werfen lange Schatten. So denke ich sehr gerne an unsere Königsetappe der Fernfahrt von Paris nach Rom, zurück.

Ich stehe in La Jausière, hatte für das Mittagessen ein paar Kilometer vorher in La Barcelonnette noch eine rechte Portion Spaghetti verdrückt, eine Coca-Cola getrunken und für einmal gezuckerten Kaffee zu mir genommen. Denn Stärke brauche ich heute Nachmittag noch in rauhen Mengen. Geht es doch auf der Fahrt von Paris nach Rom, heute an diesem wundervollen sonnigen und angenehm warmen Tag über den höchsten Punkt der Reise. 2802 Meter, La Cime de la Bonette, steht ausgangs La Jausière, auf einer unübersehbar grossen Tafel. Ich rechne nach: es geht ab jetzt also noch 1600 Meter in die Höhe. Allerdings wird dies nicht die letzte Leistung sein, denn nach einer Abfahrt, hinunter auf 1200 Metern in St. Etienne de Tinnée, übernachten wir 400 Meter höher in Auron.

La Jausière

Ich kurble los. Gemütlich, spare den kleinsten Gang vorerst noch für steilere Passagen. Nach Profil sollte es einigermassen gleichmässig nach oben steigen, die letzten vielleicht drei Kilometer etwas weniger. Aber das werde ich dann erst in etwa 20 Kilometern erleben. Ich versuche mit möglichst wenig Kraft, dafür etwas höherer Skadenz durchzukommen. Hie und da werde ich von einem Kollegen überholt, überhole selber den einen oder anderen. Etwa ausgeglichene Überholbilanz. Es läuft gut. Die Strasse ist schön regelmässig steil, die wenigen Spitzkehren etwas flacher. Ab und zu, meist nur für kurze Zeit, kann ich die Kette sogar vom zweiten auf das dritte Ritzel legen.

Die Waldgrenze kommt langsam näher. Das hat aber keinen Einfluss auf irgendwelche schattenspendenden Bäume, denn jetzt, kurz nach dem Mittag, steht die Sonne sowieso ziemlich direkt über uns. Zwischen den Kehren gibt es immer wieder lange, gerade Stücke. Erinnerungen an das Stilfserjoch kommen auf. Soll doch auch diese Strasse von Napoleon gebaut worden sein. Brauchen auch Pferde zwischendurch kleine Verschnaufpausen, wenn sie das schwere Kriegsgerät nach oben schleppen?

Die Gedanken schweifen ab, die Beine kurbeln regelmässig, die Augen schauen immer wieder auf die angezeigten Meter über Meer und die aktuelle Uhrzeit. Das Gedächtnis rechnet dann eine Zeit lang an der Steiggeschwindigkeit pro Viertelstunde. Bei 2000 Metern über Meer werde ich eine kurze Pause einlegen. Das ist dann ziemlich genau die Hälfte der Steigung von heute Nachmittag.

Die Waldgrenze scheint nun definitiv unter mir zu liegen. Die 2000 Meter-Grenze kommt in Griffnähe. Die Beine sind immer noch gut drauf. Es fehlt mir nichts, genug getrunken, gelegentlich vielleicht mal eine Banane, kann nichts schaden. Spüre keine Veranlassung hier einfach so innezuhalten, fahre durch. Überhole ein paar schwer beladene Mountainbiker, durchfahre ein paar Spitzkehren. Es ist schön, so ab und zu wieder talaufwärts zu fahren und die andere Seite der Talschaft mit den darum herum stehenden Bergen anzuschauen. Allerdings fährt man damit heute Nachmittag auch gegen den Wind, oder wenigstens das Lüftchen.

2200 Meter über Meer: ich schliesse zu einem Kollegen auf, halte an, verdrücke eine Banane, noch etwas von einem Powerriegel, nicht zu viel, die Dinger geben immer Durst. Wasser ist noch genügend da. Auch davon gibt es noch ein paar Schlucke. Der Kollege ist bereits gegangen. Auch ich steige wieder auf, finde sofort den richtigen Rhythmus wieder und weiter gehts. Weitere Spitzkehren. Irgend eine Abzweigung, vielleicht die alte Passstrasse. Ein paar Häuser stehen da, vielleicht alte Bauten in Zusammenhang mit Napoleon? Bin jetzt auf etwa 2500 Meter über Meer.

Ăśber weite Strecken bin ich ĂĽber einen ganz neuen Teerbelag gerollt. Die sonst ĂĽblichen Sprayereien in Zusammenhang mit der Tour de France ĂĽber die grossen Grössen des Radsports sind ĂĽberteert, einfach nicht da. Aber da vorne steht doch etwas. Orange Schrift, eigentlich unĂĽblich, normalerweise wird weiss gesprayt. „Dani K grĂĽsst Urs H“ steht da. Es dauert einen Moment bis ich realisiere. „Urs H“ wĂĽrde ja passen, aber wer ist „Dani K“. Schon bei der RĂĽckfahrt von Calpe nach Bern im Jahre 2004 hat mir kein Mensch geglaubt, dass da auf einer Passstrasse „Hopp Urs“ gestanden haben soll. Also verzichte ich auf einen Zwischenhalt und auf eine Fotografie. Das stört nur meinen Rhythmus und glauben wĂĽrde mir das sowieso keiner. (24 Stunden später und auch heute noch, bereue ich diesen Entscheid).

Die letzten Spitzkehren sind gefahren, in der Ferne steht die Cima de la Bonette. Unverkennbar. Es muss sie sein. Diese Kahlheit, diese Passstrasse die nur in einer Richtung über den höchsten Punkt führt. Da ist kein Irrtum möglich. Die Strasse flacht etwas ab. Ein zufällig anwesender Kollege macht eine Foto von mir, mit der Cime im Hintergrund. Ich von ihm natürlich auch.

Cime de la Bonette im Hintergrund

Noch wenige Kilometer, noch wenige Höhenmeter und die Passhöhe, nicht die Cime, ist erreicht. Die Cime will ich aber auch. Die Strasse, der letzte Kilometer, wie eine Wand vor mir. Rhythmuswechsel in den Beinen, aufstehen, durchtreten, am Lenker reissen. Fast unmenschlich wird die Anstrengung. Aber diese letzten Höhenmeter müssen sein.

Die Kraft reicht nicht, nicht mehr. Fuss ausklicken, abstehen, stehen bleiben, verschnaufen, nur kurz. Schluck Wasser, ein Bissen vom Powerriegel, zur Cime hinaufschauen, ist aber verdeckt wegen der letzten Kurve. Aufsteigen, einklicken, zusammenreissen, Pedale runterwĂĽrgen, am Lenker reissen: geschafft. Unser Gruppenleiter ist oben: „Gratuliere Dir zu dieser Leistung, gut, hast Du da unten nicht aufgegeben“. „Danke“ kommt es aus mir raus.

Blick von der Cime herunter

Es ist ein wunderbarer Augenblick: mit einem Mal steht die ganze Alpenwelt, voller Gipfel und Kuppen vor einem. Vergessen sind alle Schweisstropfen und die ganze Mühe. Jetzt wo die Anstrengung vorbei ist, weht auch ein kühler Wind über die Höhe. Schade, ist hier nicht das Ziel, sondern erst nach der nächsten Steigung. Aber zuerst geht es nun mal weit über 1000 Meter in die Tiefe.

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Autor: Urs

Würde mich eher als Tourenfahrer bezeichnen. Radfahren war schon in der Jugendzeit meine Leidenschaft. Doch auch dann schon eher für lange Ausflüge. Mit der Zeit gesellten sich die Fotographie dazu und teilweise beruflich bedingt auch das Interesse an IT, an Software. Damit war der Grundstein für dieses Weblog gelegt. Seit dem Jahre 2004 schreibe ich hier ziemlich regelmässig über meine Fahrten.

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