Als Aargauer unterwegs

Spass auf schmalen Reifen

Die Bergfahrt

Ich kurble mit dem Mountainbike auf einer steilen, alten, holprigen und staubigen Passstrasse seit Stunden in die Höhe. Weil ich es nicht sein lassen kann, befindet sich im Monoporter (Veloanhänger) unter anderem der Notebook, sowie zugehörige Adapter und Akkus auch der übrigen Elektronik vom Handy über Fotoapparat bis hin zu GPS. Die Gegend ist sehr schön. Mit jedem gewonnen Höhenmeter rücken weitere, verschneite Berggipfel in meine Sicht. Weit unten im Tal, ein kleines Bächlein, längst zu einem Rinnsaal verkleinert. Die einzelnen Maiensässen und Heugaden sind zu kleinsten Modellhäuschen zusammengeschrumpft. Von unten weht ein warmer, austrocknender Wind über die heissen Felsen in die Höhe. Die Baumgrenze habe ich vor kurzem unter mir gelassen. Soeben passiere ich eine dieser Tafeln zur Warnung vor Steinschlag.

Ich habe diesmal die alte Passstrasse gewählt, weil ich es sinnvoller finde mit dem Mountainbike auf zwar holprigen, aber dafür ungeteerten Strassen bergwärts zu fahren. Ist irgendwie idyllischer, vor allem viel ruhiger. Keine Autos, keine Motorräder, nur hie und da ein Stein aus dem eigenen Pneuprofil der irgendwohin gespickt wird. Vor mir wieder einmal eines dieser meist kurzen, unbeleuchteten aber auch kühlen Tunnels.


Am Stilfserjoch, Seite Bormio

Gleich nach dem Tunnel geht es wieder an der heissen Felswand weiter hinauf. Der thermische Wind aus dem Tal bläst immer wärmer. Ich nehme einen weiteren Schluck Wasser aus dem Bidon. Schon wieder passiere ich eine dieser Steinschlagswarnungs-Tafeln. Die auf dem GPS angezeigte Restdistanz bis zur Passhöhe kann heute nicht stimmen. Manchmal hat das GPS nicht genĂĽgend Satelliten im Zugriff um eine verlässliche Berechnung zu machen. Des öftern fällt es heute auch aus mit der Meldung „kein Satellitenempfang. Soll GPS ohne Satelliten genutzt werden?“, wofĂĽr schleppe ich denn dieses Ding hier ĂĽberhaupt rauf? Aber hier zwischen diesen Tunnels, und unter den ĂĽberhängenden Felswänden wird wohl nichts besseres erwartet werden können.

Ich nehme einen weiteren Schluck aus dem Bidon. Dieser fĂĽhlt sich mittlerweile schon fast leer an, und doch bin ich noch lange nicht oben. Ganz in der Nähe pfeift irgend ein Murmeltier. Von meinem Helm tropft der Schweiss teils auf die Oberschenkel, teils auf den Lenker. Obwohl ich schon ĂĽber 2’000 Meter ĂĽber Meer bin, fĂĽhlt sich alles heiss und trocken an.


Via Mala

Wieder ein kurzes, kĂĽhles Tunnel, dahinter gleich eine enge Rechtskurve. Ich kurble immer schön in der gleichen Frequenz weiter, maschinell, bald ohne etwas zu ĂĽberlegen … die Strasse ist fertig! Abgerutscht, zerbröckelt, der Felswand entlang noch so ein letzter kleiner Rest. Auf der anderen Seite, vielleicht 20 Meter, geht sie weiter. Und jetzt?

20 Meter! Nur 20 Meter? Hinüberfahren geht nicht, nicht mit dem Anhänger. Der Anhänger hat zwar nur ein Mittelrad und würde genau hinter dem Rad des Mountainbikes nachfahren. 15 Kilo Gepäck sind auf dem Anhänger. Würde das Mountainbike ins Rutschen kommen? Würde der Anhänger mitrutschen? Habe ich Platz, neben Mountainbike und Monoporter diese 20 Meter hinüber zumarschieren? Anhänger abhängen, Mountainbike rüberfahren / rüber stellen, zurückkommen und Monoporter von Hand hinüberstellen? Oder sogar Monoporter und Gepäck separat über diese 20 Meter transportieren? Komme mir vor wie damals in der Schule, als das Rätsel zu lösen war, eine Ziege, einen Wolf und einen Kohl von der Insel in einem Boot heil auf das Festland zu bringen, ohne dass einer vom andern gefressen wird.


Monoporter ist der Anhänger

Der Aufwind weht immer noch, trocknet aus. Der letzte Schluck Wasser aus dem Bidon … spare ich mir fĂĽr später auf. Die Sonne brennt genau auf diese Stelle hier, noch nie schienen 20 Meter so weit zu sein. Noch nie war ein Abgrund so tief und bedrohlich. Ein Murmeltier pfeift. Der Pfiff tönt irgendwie höhnisch: „He du, Mountainbiker, das hast Du nicht erwartet, he?“

Da, auf der anderen Seite des Abgrundes steht plötzlich ein anderer Mountainbiker, schaut sich die Sache an, nimmt Anlauf. Ich schliesse die Augen, rufe „neeeeeiiiiin“ … und schon ruft er mir im Vorbeifahren zu: „Singletrails sollte man fahren können“, und verschwindet hinter dem nächsten Felsvorsprung.

Schweissgebadet und mit ausgetrocknetem Mund liege ich im Bett: Sollte ich mich vielleicht doch etwas mehr um Singletrails kĂĽmmern? Ist die Fahrerei mit dem Renner doch zu einseitig? Oder lese ich nur zuviel bei den Mountainbikern in den Weblogs mit?

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Autor: Urs

Würde mich eher als Tourenfahrer bezeichnen. Radfahren war schon in der Jugendzeit meine Leidenschaft. Doch auch dann schon eher für lange Ausflüge. Mit der Zeit gesellten sich die Fotographie dazu und teilweise beruflich bedingt auch das Interesse an IT, an Software. Damit war der Grundstein für dieses Weblog gelegt. Seit dem Jahre 2004 schreibe ich hier ziemlich regelmässig über meine Fahrten.

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